Man wünscht sich heutzutage weniger
Ein Beitrag zum Themengebiet ZUR ZEIT, MENSCHEN, geschrieben am 1. Januar 2009 von Maria PrucknerAls ich noch sehr jung war, hatte ich viel mit sehr alten Leuten zu tun. Die noch den Krieg erlebt hatten, im KZ, in Gefangenschaft waren, verwundet wurden, deren Männer und Söhne gefallen sind und die und deren Töchter man vergewaltigt hat.
Und gestern, gestern fiel mir ein, dass einem solche alten Leute ein “glückliches” Neues Jahr gewünscht haben, nicht nur ein “gutes” oder ein “erfolgreiches”. Wünscht man sich heutzutage weniger, weil von glücklich sein heutzutage keine Rede mehr ist?
Was aber auch ist ein glückliches Jahr? Ein geglücktes? Oder eines, in dem man glücklich ist? Oder beides?
Und wodurch wird man glücklich? Die romantische Antwort wäre, wenn einem der größte Wunsch in Erfüllung geht. Die kybernetische Antwort ist, wenn sich die Dinge, die man braucht, um sich erfüllt zu fühlen, wie von selbst fügen - wenn Selbstorganisation das bewirkt, was man sich gewünscht hat.
So gesehen wünscht man sich heute weniger, wenn ein Jahr nur gut und erfolgreich sein soll, obwohl wir noch nie mehr Möglichkeiten hatten, gezielte und erwünschte Selbstorganisation zu ermöglichen.
Menschen, die diese Art von unbeherrschbarem Leid erlebt haben, sind sie mutiger in ihren Wünschen oder einfach nur weiser? Ist es dieser kleine Unterschied zwischen Bescheidenheit und Demut, der es erlaubt, Glücklichsein oder nur Gutes und Erfolg zu wünschen? Ich glaube, nein.
Glücklichsein, das reicht bis in die Seele, was immer sie ist. Für Gutes und Erfolg reicht es, wenn nur die Ratio bedient wird.
Man wünscht sich heutzutage weniger. Ich wünsche Ihnen heute mehr: Ein glückliches Neues Jahr!